Gestern Nacht konnte ich vor lauter Gedanken-Aktivität nicht einschlafen. Mitten in der Nacht um 3 Uhr musste ich dann endlich aufstehen um diese Gedanken und Gefühle bezüglich meiner Saft Fest Erfahrung niederschreiben. Vor 58 Tagen habe ich dieses Abenteuer begonnen. Anfangs war ich sehr begeistert und enthusiastisch. Ich habe viel über das Juice Feasting Konzept gelesen und mich so gut wie möglich darauf vorbereitet. Ich spürte, dass für mich der richtige Zeitpunkt für ein solches Abenteuer gekommen ist und hoffte mir damit mehr Klarheit, Energie, eine tiefgründigere Zufriedenheit, wie auch eine stärkere Beziehung zur Rohkost (insbesondere grünem Blattgemüse) zu verschaffen. (Schon seit etwa einem Jahr habe ich mich von Rohkost ernährt, hatte aber ein paar Rückfälle zu gekochter veganer Nahrung.)
Im Rückblick auf diese zwei Monate sehe ich einige positive Veränderungen die stattgefunden haben. Besonders während den ersten zwei Wochen machte ich eine intensive Reinigungsphase durch, in der ich viel eliminiert und folglich auch Gewicht reduziert sowie eine gutes Gefühl von innerer Sauberkeit erlangt habe. Meine Haut wurde rein und weiche und überraschenderweise hat sich sogar meine Augenfarbe verändert. Es gab viele Energie-Hochs und -Tiefs aber nach ein paar Wochen hat sich das stabilisiert….leider jedoch nicht auf dem gewünschten Level. Sogar jetzt nach diesen zwei Monaten ist meine Energie immer noch sehr tief, ich verspühre keine Antriebskraft und brauche mehr Schlaf als üblicherweise. Höchstwahrscheinlich ist es deswegen, weil meine Erfahrung bisher eher ein Juice Fasting anstatt ein Juice Feasting war, da ich es einfach nie das Konzept der Reichhaltigkeit (entsprechend einem Feast) umsetzen konnte. Tatsächlich befinde ich mich in einem Zustandsgefühl der Restriktion (entsprechend einem Fasten).
Nur selten schaffe ich es das eigentlich Minimum von 1 Liter Wasser (mit Zitronensaft) am Morgen und weiteren 4 Litern Saft während dem Tag einzunehmen. Zum einen ist das wahrscheinlich weil mein Metabolismus sich verlangsamt hat, aber auch weil die Saft-Zubereitung zur Last wurde. Am Anfang des Saft Fests habe ich versucht morgens all den Saft für den Tag zu machen. Für nur 3-4 Liter brauchte ich minimal 1.5 Stunden, was nach einer Weile sehr unangenehm wurde, besonders weil ich begann es als tägliche Pflicht zu empfinden. Zu Beginn des Saft Fests wollte ich eine Routine aufbauen. Ich freute mich alles strukturiert und geplant zu haben: jeden Morgen zur selben Zeit aufwachen, 1 Liter Wasser mit Zitronensaft trinken, Hygiene-Routine durchführen, Saft zubereiten, körperliche Betätigung ausüben, usw. Anstatt zur Gewohnheit wurde diese Routine aber immer mühsamer. In Wirklichkeit war es nicht einfach nur diese bestimmte Routine, sondern ich habe eine ziemliche Abneigung gegenüber Routinen generell entwickelt. Routinen geben mir ein sehr restriktives Gefühl und ich mag mich nicht mehr and Protokolle halten. Ich habe erwartet, dass mich das Juice Feasting vermehrt zu einem Gefühl der Freiheit und nicht der Zurückhaltung bringen wird.
Ein weiterer restriktiver Faktor ist die Verfügbarkeit sowie die Kosten für Lebensmittel. Tatsächlich gibt es hierzulande viel weniger grünes Blattgemüse (eines der Wichtigsten Nahrungsmitteln dieses Programms) als ich mir vorstellte. Momentan gibt es zwar eine kleine Auswahl, die aber besteht hauptsächlich aus nur leicht verschiedenen Salaten…nicht einmal Spinat oder Federkohl sind vorhanden! Von grünem Blattgemüse hatte ich während dem ersten Monat praktisch nur Lattich und Krautstiel. Gelegentlich gab’s mal Salat und Petersilie. Abgesehen von Äpfeln, Karotten und roter Beete habe ich auch von süssen Früchten wie Ananas, Beeren, Kokosnusswasser, und Orangen erst im zweiten Monat probiert. Zwar ist das Angebot an Früchten grösser als das von grünem Blattgemüse, doch ist das Problem nicht nur die Verfügbarkeit sondern auch der Preis. Erstens wachsen die meisten Früchte nicht lokal und zweitens ist biologische Qualität zusätzlich teurer (genau wie beim grünen Blattgemüse). Natürlich vor allem in grösseren Mengen die es zum Saften braucht. Biologische Qualität ist wichtig für mich und entspricht auch sonst meinem Standard. Als ich mit dem Saft Fest angefangen habe wusste ich, dass die Kosten für meine Nahrung höher liegen würden als normal und ich meinte dies auch akzeptieren zu können. Trotzdem merke ich nun wie dieser Aspekt hindernder ist als erwartet. Wenn ich ein unbegrenztes Budget hätte wäre ich überzeugt auch mental viel einfacher in die Stimmung von Reichhaltigkeit zu gelangen.
Nebst der Aversion gegenüber Routinen, der stark begrenzten Verfügbarkeit, sowie dem Kosten-Faktor gibt es noch ein weiterer Aspekt für meine restriktive Erfahrung: die ständige Beschäftigung mit Nahrung. Ich habe kürzlich Angela Stokes’ Bericht über ihre Juice Feasting Erfahrung gelesen in der sie beschreibt, wie bereits nach wenigen Wochen sie einen der Hauptgründe für ihre mentale Klarheit und ihr Freiheitsgefühl identifizieren konnte…sie musste nicht mehr ständig ans Essen denken! Nun, für micht ist es fast wie das Gegenteil. Sogar nach zwei Monaten Saften bin ich immer noch hauptsächlich mit Essen/Saft beschäftigt. Entweder muss ich daran denken was ich als nächsten entsaften werde, wie schön es wäre wieder feste Nahrung zu konsumieren, meine Lieblingsspeisen zu essen, und ich habe sogar spontan ein paar Rezepte kreiert die ich kaum warten kann auszuprobieren. Ausserdem habe ich Verlangen nach bestimmtem rohem wie auch gekochtem Essen. Das Verlangen ist zwar nicht ausserordentlich stark aber es scheint ständig präsent zu sein. Besonders wenn es nach Essen duftet, ich Leute beissen & kauen sehe, usw. Ich vermisse sogar einfache Smoothies und die Tatsache, dass ich nicht einmal dies haben kann lässt mich mit einem starken Gefühl von Restriktion zurück.
Also, im Moment fühle ich mich sehr hin- und hergerissen. Auf der einen Seite habe ich mir vorgenommen dieses Abenteuer 92 Tage lang zu machen und was ich anfange möchte ich generell auch zu Ende bringen (was teilweise wohl auch mit einer Angst vor Versagen zu tun hat). Auch wenn ich mir ziemlich sicher bin, dass ich weitermachen könnte, weiss ich einfach nicht ob ich soll oder das auch will. Ich bin nicht um meine Gesundheit besorgt, habe aber einfach keine Freude mehr und mein Energie-Level ist ziemlich tief. Ich sage mir selber, dass all dies vielleicht immer noch mit der mentalen/emotionalen Entgiftung zu tun hat und dass ich vielleicht volle 92 Tage brauche um all die Früchte dieser Reise zu ernten. Anderseits fühle ich, dass der Fortschritt stagniert und wundere mich ob mehr Veränderung überhaupt noch stattfinden wird. Wenn ich so wenig Motivation/Freude/Enthusiasmus übrig habe und ich meistens ein Gefühl von Restriktion anstatt von Reichhaltigkeit habe, ist es wirklich sinnvoll weiterzumachen? I weiss es einfach nicht.